AMARE und Corona

19.06.20 22:14
Martina Sedlaczek

Ein Interview mit Johannes Skorzak, gebürtigem Siegburger und Gründer von AMARE, über die Auswirkungen der Corona-Krise auf das Kinderheim (in der Kölnischen Rundschau)

ARMARE 3 (c) Johannes Skorzak AMARE

30 Jahre ist der Verein Amare nun alt, gefeiert werden kann wegen der Corona-Pandemie nicht. Die wütet in Brasilien zurzeit besonders heftig.

Ja, da hat der liebe Gott einen Strich durch unsere Pläne gemacht. Wahrscheinlich haben wir gerade den Höhepunkt der Pandemie überschritten. Die Menschen haben Angst und werden von einem starken Gefühl der Hilflosigkeit beherrscht. 

Sie glauben einfach nicht an die Maßnahmen der Landesregierung und Stadtverwaltung. Bereits Mitte März wurde die Quarantäne verhängt. Die funktioniert aber nicht in den Favelas. Die Armen leben auf engstem Raum in ihren Hütten zusammen. Sie schlafen in Hängematten über- und nebeneinander. In Esperantina erweist sich die Forderung nach sozialer Isolierung als rein theoretische Konstruktion.

AMARE 4 (c) Johannes Skorzak AMARE

Was hat der Verein erreicht; was davon wurde jetzt, zumindest teilweise, kaputt gemacht?

Die Kinder zeigen bereits nach wenigen Monaten bei uns weniger Aggressionen und eine höhere Sozialkompetenz. Sie lernen, Unterschiede zu respektieren. Mit Hilfe schulischer, psychosozialer und spiritueller Begleitung gelang es uns bisher, die Beziehungen unserer Meninos und Meninas zum familiären und sozialen Umfeld zu befrieden. Jetzt sind viele wieder daheim und dort auf sich gestellt, der häuslichen Gewalt und den Gesetzen der Drogenmafia in den Favelas ausgesetzt. Die Kinder leiden Hunger, vor allem an der Seele.

Der Verein arbeitet in einer ländlichen Region . . .

Größer als der rechtsrheinische Teil des Rhein-Sieg-Kreises, liegt die Gemeinde Esperantina in einer landschaftlichen Übergangszone, die Palmwälder und Caatinga (niedriger Krüppelwald) umfasst. Das Stadtgebiet ist dicht besiedelt, das Landesinnere dünn.. Wichtigste Arbeitgeber sind die Gemeinde und die Geschäfte. Land- und Viehwirtschaft werden unter der heißen Äquatorsonne immer unwirtschaftlicher und unbedeutender. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist seit Ausbruch der Pandemie arbeitslos geworden oder war es bereits vorher. Die Regierung Brasiliens realisiert das größte Hilfsprogramm der Geschichte. Mehr als 50 Millionen Menschen erhalten eine Überlebenshilfe von monatlich 100 Euro. Doch fallen Selbstständige, Tagelöhner und nicht registrierte Arbeiter wegen fehlender Ausweispapiere durch.

Wie stark ist Esperantina von der Corona-Pandemie betroffen?

Bei 40 000 Einwohnern registriert Esperantina offiziell 260 Fälle und fünf Todesopfer von Covid-19. Inoffiziell spricht man von tausenden Fällen. Es waren anfangs nur wenige Virustests verfügbar, die Ergebnisse sind absolut unzuverlässig. Der erste Todesfall ereignete sich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Die Familie des 77-jährigen Senhor Antônio, Gattin sowie neun Kinder und Enkel wurden angesteckt. Sie durften jetzt nicht das Haus verlassen. Meine Frau und Freiwillige aus Amare gehen für die Familie jetzt einkaufen – wie auch für andere Familien in ähnlicher Situation. Denguefieber und die Grippe H1N1 kommen jetzt zum Ende der Regenzeit hinzu, in vielen Fällen mit noch schlimmeren Symptomen als Covid-19. Ich habe diese Krankheiten selbst abbekommen und wäre an Denguefieber vor 20 Jahren fast gestorben.

AMARE 1 (c) Johannes Skorzak AMARE

Hat sich durch Corona die Klientel in Ihren Häusern und auch die Arbeit verändert?

Ja, es war drastisch. Amare arbeitete in einem starken Rhythmus mit 450 Kindern und Jugendlichen, als wir sie wegen der Pandemie nach Hause schicken mussten. Wir haben unseren Mitarbeitern zunächst Urlaub gegeben. Danach wurden die Arbeitsverträge zeitlich ausgesetzt. Die finanzielle Last der Gehälter teilt der brasilianische Staat mit uns. Wir fokussieren die ganz prekären Fälle, die unsere Hilfe am meisten benötigen. 

Ehrenamtlich tätige Frauen kochen warmes Essen, packen manchmal auch Lebensmittelpakete und bringen sie auf ihren Motorrädern dann in die Hütten. Bei diesen Blitzbesuchen bekommen wir allerhand an Krankheit, Depressionen und Misshandlungen mit.

Was kann zurzeit überhaupt nicht mehr gemacht werden, obwohl es sehr wichtig wäre?

Unsere Kinder vermissen ein ehrliches Lächeln, einen ermutigenden Blick in die Augen und eine herzliche Umarmung. Durch die Quarantäne sind viele gezwungen, zu Hause mit Menschen zusammen zu sein, die wirklich eine Gefahr für sie darstellen, weil sie schlagen, missbrauchen und nichts zu essen geben. Als ich kürzlich dabei geholfen habe, Lebensmittelpakete ins Landesinnere zu bringen, erblickte ich einen unserer Jungen im Winkel eines Hinterhofes. Er hockte am Boden, zusammengekauert und wirkte elendig. Vorsichtig fragte ich: „Francisco, was fehlt Dir denn? “ Er blickte zögernd zu mir hoch und antwortete dann – ohne zu überlegen: „Wann darf ich wieder meine Mama umarmen und mit meinen Freunden spielen?“

AMARE 2 (c) Johannes Skorzak AMARE

Ist die Situation für Ihre Klientel psychisch noch zu verkraften?

Amare unterstützt Kinder und Jugendliche hauptsächlich aus Familien mit gebrochenen oder geschwächten Beziehungen. Oftmals sind sie Opfer von Gewalt und Ablehnung innerhalb der eigenen Familie. In die Enge der Quarantäne gezwungen, verlieren sie ihre ohnehin schon geringe Autonomie vollständig. 

Kinder und Jugendliche bauen als gesellige Subjekte ihre Identität in der Beziehung zum anderen, in der Gruppenerfahrung, auf. Junge Menschen suchen Kontakt und Zuneigung. Soziale Isolation ist vielleicht der größte Schaden für die psychische Gesundheit derjenigen, die von unserer Einrichtung unterstützt werden. Sie verursacht Schlaflosigkeit, Veränderungen der Essgewohnheiten, Stress, Traurigkeit, Reizbarkeit und ein hohes Maß an Angst und Furcht. Familien sind in Angst, sich an der Schultoren mit dem Virus zu infizieren. Viele Eltern haben sich entschieden, ihre Kinder von der Schule abzumelden.

Wie werden Sie vor Ort über die aktuelle Lage im Land informiert, welche konkreten Beschränkungen sind dem Verein Amare auferlegt worden?

Es ist wirklich ein Elend. Wir haben keinen Zugang zu verlässlichen Informationsquellen. Die Medien verursachen Hysterie und provozieren Panik. Die zusätzliche opportunistische Politisierung der Krise führt zu Unglauben an alles, was veröffentlicht wird. Ich selbst versuche, mir über die deutsche und internationale Presse ein Bild zu machen. Amare ist von den sanitären Kontrollinstanzen des Staates bislang in Ruhe gelassen worden. Wir halten uns aber auch an die sanitären Regeln. In Deutschland macht sich wieder etwas Hoffnung breit, sind Geschäfte und Betriebe, teilweise auch Schulen und Kindertagesstätten, wieder geöffnet. Bei uns ist das noch nicht in Sicht. Esperantina ist geographisch abgelegen, deshalb liegt die Infektionskurve bei uns um etwa zwei bis drei Wochen hinter den Großstädten zurück. Die Schulen, und damit auch Amare, sollen erst wieder im August öffnen können. Dann hätten wir fünf Monate Quarantäne. Mediziner und Politiker werden sich mit der Frage beschäftigen müssen, ob das nicht angemessener geregelt werden konnte.

AMARE 5 (c) Johannes Skorzak AMARE

Wie steht es um die finanzielle Situation von Amare? Wie kann der Verein diese schwierige Zeit überleben? 

Amare unterhält ihre sozialen Dienste mit Mitteln der deutschen Sternsingeraktion. Ich möchte hier die Zuweisung aus meiner Siegburger Heimatgemeinde St. Servatius nennen.

Und ich möchte den Freunden des Fördervereins Amare in Siegburg um Elisabeth Winkelmeier-Becker danken. Während dieser langen Jahre machten sie mir persönlich viel Mut, auch durch Besuche. In Esperantina selbst macht uns eine wachsende Zahl an Patenschaften etwas Hoffnung. Davon sind jetzt leider einige weggebrochen. Aber immerhin: Es tut sich etwas. Zuschüsse von der Stadt Esperantina bekommen wir nicht. Solche werden nur an linientreue Vereine vergeben. Jedes Jahr müssen wir aufs Neue einen unglaublichen bürokratischen Kampf um Landeszuschüsse führen. Ohne eine verlässliche Hilfe aus der deutschen Heimat kann Amare immr noch nicht überleben (Förderverein Amare e.V. IBAN: DE35 3706 9520 4111552016  BIC: GENODED1RST  VR-Bank Rhein-Sieg)

Was wird als erstes nachgeholt, wenn sich die Situation einmal entspannen und ganz vorsichtig wieder so etwas wie Alltag einkehren sollte?

Möge dieser Tag doch bald kommen! Zunächst soll ein aktuelles Bild von der veränderten emotionalen Verfassung unserer Meninos und Meninas erstellt werden. Psychologen und Sozialpädagogen werden wohl viel mit den Kindern und Jugendlichen zu tun haben, die durch die soziale Isolation psychisch gelitten haben. Sie sollten schnellstmöglich zur sozialen Interaktion zurückgeführt werden und natürlich ihren so notwendigen Bedarf an Sport nachholen können. Den Wiederbeginn stelle ich mir gelegentlich in Tagträumen vor: Wir feiern alle zusammen im Freien, im Schatten unserer Grünanlagen, einen Dankgottesdienst. Es singt unser Kinder- und Jugendchor und spielt unsere Jugendband. Danach steht ein Spielefestival auf dem Programm. Die Kinder verspeisen Schokoladeneis. Meninos und Meninas lachen und toben, ausgelassen und laut. Sie strahlen vor Freude. Dann ist alles Schlimme, so hoffe ich, bald vorbei.

Kirchengemeinde St. Servatius

Mühlenstraße 6
53721 Siegburg

In Notfällen:
0152 21697981

Telefonisch und persönlich erreichbar:

Mo, Mi        09:30 - 13:00 Uhr
Di                 09:30 - 16:00 Uhr
Do                09:30 - 11:30 Uhr
                     13:00 - 18:00 Uhr
Fr                  09:30 - 12:00 Uhr

Neuigkeiten

Abschlussgottesdienst der Schulanfänger

8. Juli 2020 18:19
Die Schulkinder der Kindertagesstätte Liebfrauen haben ihren Abschlussgottesdienst gefeiert.
Weiter lesen

Jakobsweg Tag 3 - Sonnentag

7. Juli 2020 19:00
Die Sonne knallt unerbittlich, ich komme an meine Grenzen.
Weiter lesen

Empfehlen Sie uns